FAW Bestune B70 2026

FAW Bestune B70 2026 Camry-Klon als Superb-Alternative aus China

9:04 Min.

Limousine für 29.995 Euro: Der Bestune B70 im Fahrbericht mit Video-Review.

Willkommen im Gestern, das uns heute beschäftigt. Wie jetzt? Stellen wir uns einfach einmal vor, es gibt auch im Jahr 2026 noch Menschen, die kein SUV oder Crossover fahren möchten. Die, aus welchen Gründen auch immer, einen Verbrenner ohne Elektrifizierung und auch kein reines Elektroauto fahren wollen. Eine Limousine darf es also gerne sein. Aus Budgetgründen oder wegen der Tatsache, dass man aus dem Alter mit erhöhtem Geltungsdrang herausgewachsen ist, lieber kein Modell eines Premiumherstellers.

Zielgenau in die Nische

Zugegeben, wir haben hier jetzt eine sehr kleine Nische umrissen. Kein Wunder, dass der Großteil der Autohersteller seine Angebote in diesem Segment eingestellt hat. Ford Mondeo, Mazda6, Opel Insignia, Toyota Camry und VW Passat Limousine gibt es nicht mehr (den Camry außerhalb der EU aber weiterhin, er ist ein globaler Bestseller). Es bleibt der Skoda Superb mit Fließheck-Karosserie. Außerdem jetzt neu in Deutschland am Start: Der Bestune B70. Nie gehört? Kein Problem, dafür ist AUTONOTIZEN ja da.

Der Staatskonzern FAW (First Automotive Works) mit Sitz in Changchun ist der älteste chinesische Automobilhersteller. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1953, seit 1956 werden Fahrzeuge gebaut. Neben Joint-Ventures mit ausländischen Konzernen wie Mazda, Toyota und Volkswagen gehören auch eigene Marken zum FAW-Portfolio. International bekannt ist Hongqi. Aus der einstigen Staats-Limousine („Rote Fahne“) ist mittlerweile eine selbsternannte Premiummarke geworden, die seit einiger Zeit auch in Deutschland Fuß fassen will. Im automobilen Mainstream ist die Marke Bestune verankert.

Der Bestune B70 im Video

Bereits 2021 startete der auf Autos aus China spezialisierte Importeur Indimo Automotive den Versuch, die Marke und den Konzern bei uns zu etablieren. Jetzt steht das Set-up. Mit drei Modellen geht Bestune in Deutschland an den Start. Für den Vertrieb und den Service steht das Indimo-Händlernetz mit rund 260 Betrieben bereit. Wie viele davon aktuell einen Vertrag für Bestune in der Tasche haben, ist nicht bekannt. Ersatzteile kommen mit regelmäßigen Schiffsladungen aus China in ein zentrales Lager des Importeurs, von wo aus Händler und Werkstätten beliefert werden.

Drei Bestune-Modelle werden feilgeboten. Neben dem kompakten T77 und dem SUV-Crossover B70S (der etwas später eingeführt wird) rollt die Limousine Bestune B70 in die Verkaufsräume. Hierbei handelt es sich um das aktuelle Faceliftmodell der dritten B70-Generation. Auf eine Länge von 4,86 Metern, eine Breite von 1,84 Metern und eine Höhe von 1,46 Metern streckt sich das Limousinen-Kleid im angenehm zurückhaltenden Design ohne Exzesse. An den Lufteinlässen im vorderen Stoßfänger und dem oberen Rand der Seitenfenster sorgen klassische Chromleisten für Akzente, im Alltag freut man sich über solide Bügeltürgriffe und eine große Heckklappe trotz angedeuteter Stufenheck-Karosserie. Unter dem augenscheinlich nur durchschnittlich großen Kofferraum (eine Volumen-Angabe seitens des Herstellers liegt nicht vor) liegt ein Reserve-Notrad inklusive Werkzeug bereit. Die Lehne der Rücksitzbank lässt sich zweigeteilt nach vorne falten. Wir lassen sie sehen, um zur Sitzprobe im Auto zu starten.

Im Fond bietet der B70 sehr gute Platzverhältnisse für Beine und Füße. Bauartbedingt wird es am Kopf großer Passagiere in der zweiten Reihe jedoch knapp. Die abfallende Dachlinie drückt auf die Frisur, außerdem rauben die Scharniere der Heckklappe hinter der Dachhimmel-Verkleidung wertvolle Zentimeter. Weiter unten entdeckt man die Isofix-Bügel zur sicheren Verankerung eines Kindersitzes erst nach kurzer Suche, sie verstecken sich – ohne Kappe oder Klappe – im Nirvana zwischen Sitzfläche und -lehne. Für Reisekomfort im Fond sorgen Lüftungsdüsen und Stromanschlüsse und Form eines USB-A-Anschlusses und einer 12V-Steckdose.

Eingeschränktes Infotainment

Die Menüsprache auf den Displays ist Englisch. Apple CarPlay und Android Auto sind nicht direkt im System integriert.

Die für Verkleidungen und Dekore im Innenraum verwendeten Kunststoffe gefallen optisch und haptisch, außerdem sorgen Kontrastnähe und silberne Leisten für ein wohnliches Ambiente unter dem serienmäßigen Panorama-Glasschiebedach. Auch eine schwarze Kunstleder-Ausstattung gehört zum Auto. Sie ist recht rutschig, was man vor allem auf den etwas kleinen und wenig konturierten Vordersitzen bemerkt. Hinter dem in Höhe und Weite verstellbaren Lenkrad findet man eine gute Position. Der Fahrersitz lässt sich elektrisch in Position bringen, der für den Beifahrer manuell- und leider ohne Höhenverstellung. Gleichstand herrscht beim Oberflächen-Klima, eine Sitzheizung für beide Sessel ist über den Infotainment-Touchscreen aktivierbar.

Die Menütiefe des englischsprachigen Systems (Alternative für die Einstellung: chinesisch) ist nicht sonderlich üppig – was der angepeilten Zielgruppe durchaus entgegenkommen dürfte. Ein werksseitiges Navigationssystem fehlt, die Nutzung der Routenführungs-App auf dem eigenen Smartphone gelingt jedoch nur über den Umweg der Carbit-App (oder eines Dongels). Apple CarPlay und Android Auto sind im B70 nicht an Bord. Auch DAB-Radio fehlt. Ein Zeichen dafür, dass die Bestune-Limousine bei uns als Einzelzulassung auf die Straße kommt. Hier gelten andere Zulassungsvorschriften als für reguläre Serien-Homologationen. Im Alltag muss man also leider auch auf eine ständig piepsende Tempowarnung der Verkehrszeichenerkennung verzichten. Mit an Bord sind eine adaptive Geschwindigkeitsregelanlage, Spurhalteassistent und eine Totwinkel-Überwachung. Beim Rangieren hat man dank der 360-Grad-Kameraansicht alles gut im Blick.

So fährt sich der Benziner

Kurven sind nicht der beste Freund des gemütlichen B70.

Unter der Motorhaube des Bestune B70 steckt ein zwei Liter großer Vierzylinder-Benziner mit 160 kW / 218 PS. Der Verbrenner kommt ohne Hybrid-Modul aus, für die Kraftübertragung in Richtung der Vorderräder ist eine Sechsstufen-Automatik zuständig.

Die Schaltbox ist nicht immer ganz bei der Sache. Beim Anfahren empfiehlt sich ein ruhiger Gasfuß. Das Getriebe hat wohl keine Lust auf wenig Drehmoment. Erst nach einer halben Gedenksekunde lassen die Zahnradpaarungen viele der bis zu 340 Newtonmeter Drehmoment los, das Auto macht einen leichten Satz nach vorne. Einen ähnlich ruppigen Anfahrcharakter kennt man sonst nur von Modellen aus dem Volkswagen-Konzern mit Doppelkupplungsgetriebe.

Wenn man dem Bestune B70 die Sporen gibt, ist man durchaus zügig unterwegs. Knapp unter acht Sekunden vergehen bei der Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit wird mit 230 km/h angegeben, testen konnten wir das noch nicht. Eine weniger dynamische Fahrweise ist im Alltag mit dem Chinesen aber ratsam. In höheren Drehzahlbereichen wird der Vierzylinder arg laut. Zudem hadern die werksseitig montierten Linglong-Reifen (auf 19-Zoll-Felgen) selbst bei trockener Straße mit Traktion und Seitenführungskräften. Es genügt ein zügigeres Herausbeschleunigen aus einem Kreisverkehr am Ortsausgang, um die Gummis auf dem Asphalt wimmern zu lassen. Die ausgeprägte Untersteuer-Neigung wird aber vorher angekündigt, man ist also stets Herr der Lage – auch, weil sich die Karosserie in Kurven stark zur Seite neigt. Dazu passt die arg leichtgängige Lenkung, die vor allem um die Mittellage viel Spiel im Lenkrad erlaubt und somit wenig Rückmeldung von den Rädern bietet.

Forsch bewegt wird der Turbo-Benziner arg durstig, der Bordcomputer meldet deutlich zweistellige Werte von knapp über elf Litern je 100 Kilometern. Am Ende des Testzeitraums von eineinhalb Tagen mit Fahrten im normalen Pendlerverkehr (auf Landstraßen und innerorts, aber ohne Autobahn) meldet die Anzeige 9,8 l/100 km. Immer noch deutlich mehr als die Werksangabe von 7,9 l/100 km verspricht.

Mittelklasse-Schnäppchen

Das Platzangebot passt auch für große Menschen hinter dem Lenkrad.

Pragmatisch wie die Konstruktion des Autos ist das Angebot, das Importeur und Händler bereithalten. Den Bestune B70 gibt es zum Listenpreis von 29.995 Euro in der hier beschriebenen Motorisierung und Ausstattung. Neben der Metalliclackierung in Silber, die der Limousine sehr gut steht (subjektive Meinung des Autors) kann man das Auto auch in schwarz oder rot haben. Extras gibt es keine, leider auch keine Anhängerkupplung zur Montage eines Fahrradträgers.

Zur Einordnung: Der oben erwähnte Skoda Superb startet zu deutlich höheren Preisen ab 40.900 Euro. Mit 29.140 Euro liegt der Basis-Octavia in der Ausstattungslinie Essence, mit manuellem Schaltgetriebe und 115 PS auf dem Preis-Niveau des Chinesen.

Die Neuwagengarantie für den Bestune B70 gilt für drei Jahre ab Erstzulassung ohne Kilometerbegrenzung, für den gleichen Zeitraum gewährt Indimo Automotive auch eine Mobilitätsgarantie. Die meisten Kunden dürften die Schnäppchen-Limousine bar bezahlen und lange halten, auch aufgrund des ungewissen Wertverlusts. Die Möglichkeit zur Verlängerung der Neuwagengarantie auf sechs Jahre gegen Aufpreis bekommt in diesem Zusammenhang Gewicht.

Oder doch Crossover?

Der Bestune B70S - hier links im Bild - kommt einige Monate nach dem B70.

Etwas zeitversetzt wird auch der Bestune B70S bei uns auf den Markt kommen. Er ist mit 4,56 Metern etwas kürzer und entspricht im optischen Anspruch sowie im Format dem erfolgreichen Cupra Formentor – gewiss nicht ohne Grund. Auch der B70S wird vom 218 PS starken Turbo-Benziner angetrieben, die Ausstattung liegt auf dem Niveau des B70. Das zeitgeistige Konzept kostet Geld, mit 31.995 Euro wird der Bestune B70S 2.000 Euro über seinem Limousinen-Bruder liegen. Wir werden uns zu einem späteren Zeitpunkt ausführlicher um den Bestune B70S kümmern.

Fazit

Zeitloses Limousinen-Design: Der Bestune B70 wirkt optisch herrlich unaufgeregt.

Der Bestune B70 wird den Automarkt nicht revolutionären, das ist auch den Vertriebsstrategen klar. Mit dem zeitlosen Limousinen-Design und ordentlichen Platzverhältnissen stellt der Chinese aber einen gelungenen Gegenentwurf zur andauernden SUV-Schwemme dar. Die Zielgruppe für das Fließheckmodell der Mittelklasse dürfte vornehmlich auf Menschen im besten Alter bestehen, nicht auf jungen Outdoor-Abenteuer-Workation-Couples und Außendienst-Vielfahrern. Der durstige und wenig harmonische Antrieb bedeutet bei geringen Kilometer-Leistungen also weniger Drama an der Kasse von Reifenhändlern und Tankstellen. Das ist heute nicht anders wie gestern – und erst recht nicht morgen.

Technische Daten
FAW Bestune B70

Antriebsart
Benziner
Antrieb
Frontantrieb
Abgasnorm
Euro 6
Hubraum
1.989 ccm
Anzahl und Bauform Zylinder
4 in Reihe
Maximale Leistung kW / PS
160 kW / 218 PS
Max. Drehmoment
340 Nm
Getriebe
Sechsstufen-Automatik
Tankinhalt
50 Liter
Höchstgeschwindigkeit
230 km/h
Norm-Verbrauch auf 100km
7,9 Liter
Verbrauch real auf 100km
9,8 Liter (lt. Bordcomputer)
Reifenmarke und –format des Testwagens
Linglong Green-Max HP 4x4 225/45 R19
Leergewicht
1.615 kg
Länge / Breite / Höhe
4.855 / 1.840 / 1.455 mm
Grundpreis
29.995 Euro
Text: Bernd Conrad
Bilder: Hannah Richter, Bernd Conrad