Der GWM Haval H6 im ersten Fahrbericht mit Video-Review.
Manchmal muss man sich zur Recht fragen, ob der Kunde denn bei der Entwicklung und beim Vertrieb von Autos noch im Mittelpunkt steht. Neue Modelle werden immer größer, ohne wirklich mehr Platz zu bieten, bieten immer mehr Leistung und teils komplexe Technik. Die geräumige, praktische Familien-Kutsche, mit der man sowohl unter der Woche zur Arbeitsstelle und zum Einkaufen fahren sowie im Sommer mit Sack und Pack ans Meer aufbricht, scheint auszusterben. Zumindest dann, wenn man nicht in stark subventionierten Leasingraten denkt, sondern ein Auto zum günstigen Preis sucht – ohne dabei ständig mit der „Ich habe beim Discounter gekauft“-Fahne herumzuwedeln. Gibt´s nicht?
SUV im Tayron-Format
Auftritt für den GWM Haval H6. Er ist das erste Modell einer Produktlinie, die der chinesische Hersteller GWM (Great Wall Motor), zusätzlich zu Ora und Wey, jetzt auch bei uns an den Start stellt. Haval-Fahrzeuge gibt es in China und auch in Exportmärkten bereits seit vielen Jahren. Die Sub-Marke positioniert sich im automobilen Mainstream.
Der H6 ist 4,70 Meter lang, 1,89 Meter breit und 1,73 Meter hoch. Sein Format entspricht in etwa dem des Skoda Kodiaq, des VW Tayron oder des eingestellten Seat Tarraco. Der üppige Kühlergrill mit dem großen Schriftzug ist, zusammen mit den vertikalen LED-Tagfahrlicht-Streifen, das einzige exzentrische Gestaltungsmerkmal am Auto. Dennoch passt die Front gut zum modern und schnörkellos gezeichneten Mittelklasse-SUV. Die 19-Zoll-Räder stecken in Radhäusern ohne überschwängliche Verkleidungen, solide Bügeltürgriffe sorgen für Ergonomie und Sicherheit. Große Leuchten am Heck flankieren den, für viele Betrachter noch unbekannten, GWM-Schriftzug.
Die Heckklapp öffnet elektrisch und gibt den Weg frei in einen 560 Liter großen Kofferraum. Sein Volumen lässt sich nach dem Umklappen der im Verhältnis 40:60 zweigeteilten Lehne der Rücksitzbanklehne auf 1.445 Liter erweitern. Eine wirklich ebene Ladefläche entsteht dabei leider nicht, zudem fehlt (wie bei fast allen Import-SUV, nicht nur aus China) eine Netztrennwand.
Der GWM Haval H6 im Video
Im Passagierraum fallen nicht nur die Verarbeitungsqualität und die Materialgüte positiv auch, sondern vor allem das Platzangebot. Im Fond sitzt auch der 1,92 Meter große Autor dieser Zeilen sehr bequem. Vor den Knien und über dem Scheitel bleibt (auch mit dem Panorama-Glasschiebedach der höheren Ausstattungslinie Luxury) viel Luft. Die Sitzfläche ist hoch über dem Innenboden positioniert. Man muss mal die Beine nicht zu stark anwinkeln, freut sich somit auch auf langen Strecken über eine bequeme Sitzposition. Familien mit kleinen Kindern dürften die weit öffnenden Türen zu schätzen wissen. Man kann den Nachwuchs bequem anschnallen und auch einen sperrigen Kindersitz auf die Rücksitzbank wuchten. Die Isofix-Bügel liegen gut erreichbar in Ausbuchtungen zwischen Sitzfläche und Rückenlehne. Mit den Schienen am Sitz stochert man also nicht blind herum und reißt dabei die schwarzen Kunstlederbezüge auf. Ein im Alltag wichtiges Komfort-Detail, auf das selbst einige Premiumfahrzeuge verzichten.
Der Fahrersitz ist schon im Basismodell elektrisch einstellbar, der Ko-Pilot kann sein Mobiliar hier manuell justieren und bei der Luxury-Ausstattung auch auf Knopfdruck. In beiden Fällen fehlt jedoch eine Höheneinstellung für den Beifahrersitz. Die Mittelkonsole beherbergt zwei Getränkehalter und – ausstattungsabhängig – eine Smartphone-Ablagefläche mit induktiver Ladefunktion. Hier und auch in Türverkleidungen und Cockpit verzichteten die Interieur-Designer dankenswerterweise auf den Einsatz von schwarzen Hochglanz-Flächen. Matte Dekore, unterschäumte Flächen, Kunstleder mit Kontrastnähten und dezentes Ambiente-Licht sorgen für Wohnlichkeit. Den kleinen Haken im unteren Bereich vor dem Beifahrer, an dem man beispielsweise eine Handtasche aufhängen kann, erwartet man mittlerweile schon bei Autos aus China. Ein geräumiges Handschuhfach wie das des GWM Haval H6 überrascht dann aber, und zwar positiv. Physische Tasten gibt es im Dreispeichen-Multifunktionslenkrad und unter dem Infotainment-Display.
Dieser Touchscreen mit 14,6 Zoll Bildschirmdiagonale ist die zentrale Interaktions-Einheit zwischen Insassen und Auto. Ein werksseitig installiertes Navigationssystem gibt es nicht. Smartphone-Inhalte über Apple CarPlay oder Android Auto lassen sich aber ohne Kabelverbindung spiegeln, also auch die vom Fahrer bevorzugte Routenführungs-App. Navi-Anweisungen werden dabei zusätzlich im 10,25 Zoll großen Display hinter dem Lenkrad angezeigt. Der H6 Luxury bietet außerdem den Komfort eines großen Head-up-Displays, dessen Anzeigen direkt auf die Windschutzscheibe und damit in die Sichtachse des Fahrers gespiegelt werden.
Der GWM Haval H6 ist ein Vollhybrid. Darunter versteht man einen elektrifizierten Verbrenner ohne Stecker. Der Akku kann und muss als nicht extern aufgeladen werden, während der Fahrt wird beim Bremsen und durch die Rekuperation von Energie der Stromspeicher gefüllt. 0,83 kWh stehen, netto nutzbar, zur Verfügung. Das reicht, um mit Elektro-Modus zu starten und aus der Anliegerstraße zu stromern. Die Systemleistung von 179 kW / 243 PS liegt an, wenn der 130 kW starke Elektromotor und der 1,5 Liter Benziner, der 150 PS bereitstellt, gemeinsam arbeiten. 530 Newtonmeter Drehmoment liegen laut Datenblatt an, die von einem Zweigang-Hybridgetriebe verwaltet und auf die Vorderräder losgelassen werden.
Der Fahreindruck
Im Fahralltag gestaltet sich das weniger dramatisch, als es die hohen Zahlen vermuten lassen. Der H6 erlaubt bei Bedarf eine zügige, aber keine dynamische Fortbewegung. Dafür kauft man sich gewiss in den seltensten Fällen ein Hybrid-SUV. Die Ansprüche seiner Kunden erfüllt der H6 mit hohem Fahrkomfort dank einer guten Abstimmung von Federn und Dämpfern. Auch gröbere Verwerfungen im Straßenbau schluckt das Fahrwerk zuverlässig, ohne dabei den Aufbau zum Nachschwingen anzuregen.
Über das zentrale Display kann man die Energie-Rekuperation dreistufig einstellen und sogar einen Modus für das Ei-Pedal-Fahren aktivieren – ungewöhnlich für ein Hybridfahrzeug. Im Stadtverkehr kann man in diesem Programm das rechte Pedal wie einen Joystick (ach so, kennt noch jemand dieses Wort?) verwenden und ohne Betätigung der Bremse an Kreuzungen und Straßeneinmündungen bis zum Stillstand verzögern. Es bedarf nur einer sehr kurzen Eingewöhnung, um das Ein-Pedal-Fahren verinnerlicht zu haben, dann lässt sich die Rekuperation punktgenau steuern.
Das Zuschalten des Benziners wird meist durch Blick auf die Energieflussanzeige erkannt, weniger durch die dezente Geräuschkulisse des gut gedämmten Vierzylinders. Deutlich präsenter ist das recht dominante Fußgänger-Warngeräusch der E-Maschine bei niedrigem Tempo, das man auch im Innenraum wahrnimmt.
Im Rahmen unserer ausführlichen Testfahrten hatten wir auch Gelegenheit, den GWM Haval H6 auf der Autobahn auszuprobieren. Bei im Display angezeigten 182 km/h fährt das SUV sanft in den Tempo-Begrenzer, der Hersteller nennt als Höchstgeschwindigkeit 175 km/h. Auch bei Vollgas bleibt es, bis auf leichte Windgeräusche um die Außenspiegel, erstaunlich ruhig im Auto. Geradeauslauf und Federung sorgen auch jetzt für eine hohe Fahrsicherheit.
Beim Mitschwimmen im Verkehr empfiehlt sich die Aktivierung der Fahrassistenz im Multifunktionslenkrad. Die serienmäßige adaptive Geschwindigkeitsregelanlage hält das Tempo und den Abstand zum Vordermann, der Spurhalteassistent arbeitet konsequent aber dabei schön unaufdringlich. Wenn man den Blinker setzt und zum Überholvorgang ansetzt, dauert es aber leider sehr lang, bis der Haval H6 nach dem Spurwechsel wieder auf das im System eingestellte Tempo beschleunigt. Im dichteren Verkehr wird man damit auch mal zum Hindernis für die nachfolgenden Verkehrsteilnehmer.
Nach WLTP-Norm soll der Hybrid mit 5,9 Litern Benzin je 100 Kilometer Strecke auskommen. Mit dem 61 Liter großen Tank ist, rein rechnerisch, also eine Reichweite von über 1.030 Kilometern möglich. Am Ende unserer Testfahrten zeigte der Bordcomputer einen Wert von 7,1 l/100 km an, inklusive zügigen Autobahn-Etappen. Wie effizient der Haval H6 im Alltag ist, werden wir bei einem späteren Test im typischen Autofahrer-Alltag nachprüfen.
Preise und Ausstattung
In vorangegangenen Text konnten jetzt eine Reihe von Vorzügen des neuen Hybrid-SUV aus China beschrieben werden. Kommt das große „Aber“ jetzt im Preis-Kapitel. Ja, und zwar als „Aber jetzt erst recht“. Das innere Ohr hört eine Stimme aus dem Home-Shopping-TV: „Den H6 gibt es nicht für 40.000 Euro, auch nicht für 35.000 Euro. Nein, er ist sogar noch günstiger“.
Das Grundmodell mit dem Namen Haval H6 Premium (warum auch immer diese Zusatzbezeichnung gewählt wurde) kostet eigentlich 31.990 Euro. Schon damit ist das SUV ein echtes Schnäppchen. Zum Marktstart offeriert der Importeur mit seinen Vertragshändlern, die sich nach dem Kauf auch um den Service kümmern, aber direkt einen Nachlass in Höhe von 3.000 Euro. Der H6 Premium startet also bei 28.990 Euro. Sogar ein recht nackter Basis-Golf ist teurer. Zur Serienausstattung gehören elektrisch einstellbare Außenspiegel, eine 360-Grad-Kamera, Zweizonen-Klimaautomatik, Sitzheizung vorne und Lenkradheizung, ein automatisch abblendender Innenspiegel und die erwähnte Integration von Smartphone-Inhalten.
Der GWM Haval H6 bringt, zusätzlich zur Ausstattung der Premium-Version, ein Panorama-Glasschiebedach (mit Öffnungsfunktion), das Head-up-Display, Sitzlüftung vorne, eine Memoryfunktion für den elektrisch verstellbaren Fahrersitz und einen elektrisch justierbaren Beifahrersitz mit. Außerdem hat er stärker getönte Scheiben im Fond und eine erweiterte Assistenzausstattung. Totwinkelwarner, Spurwechselassistent, Notlenkhilfe und ein Querverkehrswarner am Heck fahren mit. Der Haval H6 Luxury steht für 34.690 Euro in der Preisliste, mit dem aktuellen Rabatt sinkt der Preis auf 31.690 Euro.
Einzige Option ist eine Metalliclackierung für 790 Euro Aufpreis (unser Testwagen auf den Fotos und im Video trägt „Ayers Grey“, einen Silberton). Serienmäßig ist der H6 in Weiß lackiert. Im Zubehör mit Händereinbau wird es eine Anhängerkupplung geben. Die Anhängelast liegt bei 1.500 Kilogramm, die Stützlast (auch wichtig bei der Montage eines Fahrradträgers oder einer Gepäckbox) bei üppigen 150 Kilogramm.
Jeder GWM Haval H6 fährt mit einer Neuwagengarantie über fünf Jahre ohne Kilometer-Begrenzung vom Hof des Händlers, auf die Hochvoltbatterie des Hybridsystems gibt es acht Jahre Garantie (bis zu einer Laufleistung von 160.000 Kilometern). Ein zentrales Lager des Herstellers in den Niederlanden soll die Ersatzteilverfügbarkeit mit schneller Lieferung zu den Händlern garantieren.
Fazit
Größer und geräumiger als ein Dacia Bigster, innen wohnlicher und dabei nicht teurer als der populäre rumänische Discount-Hit: Der GWM Haval H6 punktet mit einer ganzen Reihe von Qualitäten bei Platzangebot, Verarbeitung und Komfort.
Der Hybrid mit 243 PS Systemleistung wird, mit kompletter Serienausstattung, zum günstigen Preis von 31.990 Euro angeboten. Zum Marktstart gibt es (anders als bei Dacia) direkt einen Rabatt von Importeur und Händler, der Basispreis sinkt auf 28.990 Euro. Unsere ersten Testfahrten zeigen: Das neue SUV aus China wirkt dabei in keiner Weise billig. Nicht nur auf dem Parkplatz vor dem Discounter macht man damit eine gute Figur. Wer, ohne verspiegelte Markenbrille auf der Nase, ein geräumiges Familienauto sucht oder öfter sperrige Hobby-Geräte transportiert, sollte mal beim GWM-Händler nach einem Haval H6 fragen…
Technische Daten
GWM Haval H6
- Antriebsart
- Hybrid
- Antrieb
- Frontantrieb
- Hubraum
- 1.499 ccm
- Anzahl und Bauform Zylinder
- 4 in Reihe
- Maximale Leistung kW / PS
- 110 kW / 150 PS
- Max. Drehmoment
- 230 Nm
- Elektromotor: Maximale Leistung kW
- 130 kW (177 PS)
- Elektromotor: Nennleistung KW
- 70 kW (95 PS)
- Elektromotor: Maximales Drehmoment
- 300 Nm
- Systemleistung: kW / PS
- 179 kW / 243 PS, 530 Nm
- Batterie
- 1,67 kWh brutto / 0,83 kWh netto
- Batterie: Typ
- Lithium-Ionen
- Tankinhalt
- 61 Liter
- Beschleunigung 0-100 km/h
- 8,3 Sekunden
- Höchstgeschwindigkeit
- 175 km/h
- Norm-Verbrauch auf 100km
- 5,9 Liter
- Kofferraumvolumen
- 560 - 1.445 Liter
- Reifenmarke und –format des Testwagens
- Kumho Solus HS63 225/55 R19
- Leergewicht
- 1.730 kg
- Anhängelast (gebremst)
- 1.500 kg
- Stützlast
- 150 kg
- Dachlast
- 35 kg
- Länge / Breite / Höhe
- 4.703 / 1.886 / 1.730 mm
- Basispreis Baureihe
- 31.990 Euro
- Basispreis Modellvariante
- 34.690 Euro
- Testwagenpreis
- 35.480 Euro