Der neue Kia EV2 im ersten Fahrbericht.
Der Wandel im Automarkt schlägt Haken. Erst wandten sich Kunden wieder verstärkt Verbrennern zu, der Hochlauf der Elektromobilität flaute deutlich ab. Mit den aktuell stark steigenden Spritpreisen verzeichnen Händler und Internet-Portale wieder ein stark steigendes Interesse an E-Modellen, zusätzlich angefeuert von einer Neuauflage der Kaufprämie durch den Staat.
Wer jetzt als Hersteller breit aufgestellt ist, hat gute Karten bei den Käufern. So wie Kia. Die aktuelle Elektro-Palette umfasst mit dem Crossover EV3, dem kompakten EV4 in zwei Karosserievarianten, dem SUV EV5, dem EV6, den EV9 und dem Van PV5 bereits sechs Baureihen. Jetzt kommt ein neues Einstiegsmodell hinzu. Der Kia EV2 wandelt mit seiner 4,06 Meter langen, 1,80 Meter breiten und 1,58 Meter hohen Karosserie zwischen den Segment-Grenzen. Er will sowohl eine Alternative zu Kleinwagen wie dem VW ID. Polo wie auch zu Crossover-Modellen wie dem Renault 4 oder SUV-Zwergen vom Schlage eines Skoda Epiq und VW ID. Cross sein. Man merke: Die meisten der aufgezählten Modelle sind noch nicht auf dem Markt, die Koreaner sind früh dran.
Erwachsener Innenraum
Eilig zusammengeschustert wirkt der Kia EV2 aber keineswegs. Unter der markanten Karosserie, die der aktuellen Formensprache mit dem Namen „Opposites United“ folgt, steckt die E-GMP-Architektur der Hyundai Motor Group (Electrified Global Modular Platform) für Autos mit Frontantrieb. Sie nutzt eine 400V-Technologie, was Kosten drückt und Preise senkt.
Das Cockpit mit zwei jeweils 12,3 Zoll großen Displays und einer zusätzlichen Anzeige dazwischen zur Touch-Bedienung der Klimaanlage übernimmt der EV2 von seinen größeren Brüdern. Menüstruktur und Infotainment-Bausteine sind also bekannt, beides lässt den kleinen Elektro-Kia erwachsen wirken. Außerdem freut man sich über richtige Tasten unterhalb des zentralen Bildschirms mit Drehwalze zur Einstellung der Audio-Lautstärke und gut greifbare Knöpfe im Zweispeichenlenkrad. Eine Wiedergutmachung für das, aus der Position des Fahrers, von rechter Hand und Lenkradkranz verdeckte Klima-Display.
Variabler Viersitzer
Auf den großzügig geschnittenen Vordersitzen mit weiten Einstellbereichen fühlt man sich gut aufgehoben. Je nach Ausstattung kann die Möbel nicht nur beheizen, sondern auch belüften lassen. Leider fehlt eine Höheneinstellung für den Beifahrersitz. Das Raumangebot im Fond ist ordentlich, mancher Kompaktklasse-Vertreter bietet weniger Luft vor den Knien. Zumindest im optional viersitzigen EV2 (Aufpreis 300 Euro) mit längs verschiebbarer Position der Plätze im Fond. Damit wird auch das Volumen des Kofferraums beeinflusst, dessen Größe von 362 bis 403 Liter variiert werden kann. Dazu kommt ein 15 Liter großes Staufach unter der vorderen Haube (Frunk).
Es teilt sich den Raum mit einem Elektromotor, der im Kia EV2 stets die Vorderräder antreibt. In einigen Monaten kommt wie Version mit 61 kWh großem NMC-Akku und 100 kW (136 PS) Motorleistung. Das schon jetzt erhältliche Basismodell hat kurioserweise einen stärkeren Motor mit 108 kW (146 PS) bei identischem Drehmoment von 250 Newtonmetern. Energie liefert ein LFP-Akku mit 42,2 kWh Speicherkapazität. Er soll, in Verbindung mit 16-Zoll-Rädern, eine Reichweite von 317 Kilometern ermöglichen. Wenn der EV2 mit 18-Zöllern ausgestattet ist wie unser Testwagen, sollen 308 Kilometer möglich sein.
Der Fahreindruck
Wir starten mit dieser Version zur Ausfahrt mit fast voller Batterie und einem, vom Bordcomputer berechneten, Radius von 294 Kilometern. Auf der Autobahn sortiert sich der EV2 bei Limit 120 im dichten Verkehr rund um Frankfurt am Main ein. Wie ein Großer hält der, sofern das entsprechende Options-Paket gewählt wurde, nicht nur das eingestellte Tempo und den Abstand zum Vordermann. Der „Highway Assist 2.0“ assistiert auch beim Spurwechsel, sofern die Hände am Lenkrad bleiben. Kameras zeigen Bilder aus dem Totwinkel-Bereich, die im Display vor dem Fahrer angezeigt werden.
Das Fahrwerk wird auch mit Querfugen gut fertig und gefällt auch beim anschließenden Ausflug auf die Landstraße. Trotz des hohen Aufbaus hat der EV2 keine knochig-straffe Abstimmung, die Federwege sind lang und die Dämpfer arbeiten geflissentlich. Nur bei langsamem Tempo und schlechter Straße, beispielsweise im typisch hessischen Tempo-30-Dorf, wird es etwas stößig. Die Lenkung arbeitet überraschend direkt, auf Kurvenstrecken macht der kleine Elektro-Kia mit dem gut kontrollierbaren Hang zum leichten Untersteuern sogar richtig Spaß.
Unser Zeitplan erlaubt es leider nicht, denn Akku leerzufahren und nachzuladen. Auf dem Weg dorthin könnte man ihn entweder manuell vorkonditionieren oder das über die Routenplanung des Navigationssystems steuern lassen. Beim Hub von zehn auf 80 Prozent der Kapazität sollen 29 Minuten vergehen. Sehr smart, vor allem für ein Auto, das oft im urbanen Raum bewegt wird und die dort vorhandene Wechselstromsäulen-Infrastruktur nutzt: Optional kann man ein 22-kW-Ladegerät bestellen. Dann ist der Akku in unter drei Stunden wieder voll, mit den serienmäßigen 11 kW vergehen knapp über vier Stunden. Eine Wärmepumpe, mit der Reichweite im Winter einigermaßen stabil gehalten werden kann, gibt es nur gegen Aufpreis. Die Überraschung: Am Ende der Testfahrten inklusive Autobahn-Anteil meldet der Bordcomputer einen Verbrauch von 13,8 kWh / 100 km, ein Wert unter der WLTP-Normangabe von 15,1 kWh / 100 km.
Ausstattung und Preise
Der Kia EV2 startet in der Basisversion Light bei 26.600 Euro. Dieses Modell kommt erst später ins Programm und dürfte vor allem der Preislisten-Kosmetik dienen. Aktuell geht es mit dem EV2 Air bei 28.990 Euro los, der dann eine zweite Temperaturzone der Klimaautomatik, Leichtmetallfelgen, sechs statt zwei Lautsprecher, Regensensor, Gepäckraumabdeckung und Ladekabel (!) mitbringt.
Ganz erwachsen zeigt sich der EV2 auch bei den Optionen, bis hin zum formidablen Harman/Kardon-Soundsystem. Ein günstiges Vergnügen ist der kleine Kia nicht mehr, wenn man den Verlockungen der Preisliste oder des Konfigurators erliegt. Unser Testwagen in der Ausstattungslinie Earth und allen Extras, u.a. mit Winterpaket, Technologie-Paket, umfangreicher Fahrassistenz, 22-kW-Lader und Optionsfarbe (Frostblau) kommt auf einen stattlichen Listenpreis von 37.530 Euro.
Immer mit dabei ist eine Neuwagengarantie für den Zeitraum von sieben Jahren ab Erstzulassung bis zu einer Laufleistung von 150.000 Kilometern und die „made in Europe“-Einstellung. Nach dem EV4 Hatchback ist der EV2 der zweite Elektro-Kia, der im slowakischen Werk der Koreaner gebaut wird.
Fazit
Der Kia EV2 ist ein erwachsenes Auto im kleinen Format. Das Platzangebot ist üppig, das Fahrverhalten überzeugt auch auf kurvigen Strecken. Zumindest der Anzeige des Bordcomputers zufolge ist der Elektro-Kasten auch sparsam unterwegs, dazu kommt der Vorteil des optionalen 22-kW-Ladegeräts.
Die Preise starten bei 26.600 Euro. Ein günstiges Auto ist der Kia EV2 aber nur als Basismodell. Vor allem die Verfügbarkeit und Technologien aus höheren Fahrzeugklassen in der Optionsliste lässt den Preis schnell nach oben driften. Unter Testwagen stellt den Gegenwert von 37.530 Euro dar.
Technische Daten
Kia EV2
- Antriebsart
- Elektro
- Antrieb
- Frontantrieb
- Getriebe
- Eingang-Reduktionsgetriebe
- Elektromotor: Maximale Leistung kW
- 108 kW (146 PS)
- Elektromotor: Maximales Drehmoment
- 250 Nm
- Batterie
- 42,2 kWh
- Batterie: Typ
- LFP (Lithium-Eisenphosphat)
- Maximale Ladeleistung Gleichstrom (DC)
- 118 kW (10-80% 29 Minuten)
- Maximale Ladeleistung Wechselstrom (AC)
- 11 kW / optional 22 kW (dreiphasig)
- Beschleunigung 0-100 km/h
- 8,9 Sekunden
- Höchstgeschwindigkeit
- 161 km/h
- Norm-Verbrauch auf 100km
- 15,5 kWh (mit 18" Felgen)
- Reichweite nach Norm
- 308 Kilometer (mit 18" Felgen)
- Realer Verbrauch im Testzeitraum kWh/100 km
- 13,8 kWh (lt. Bordcomputer)
- Kofferraumvolumen
- 362 - 403 Liter / 1.160 - 1.201 Liter
- Leergewicht
- 1.620 - 1.725 kg
- Anhängelast (gebremst)
- 750 kg
- Stützlast
- 100 kg
- Dachlast
- 70 kg
- Länge / Breite / Höhe
- 4.060 / 1.800 / 1.575 mm
- Basispreis Baureihe
- 26.600 Euro
- Basispreis Modellvariante
- 31.290 Euro
- Testwagenpreis
- 37.530 Euro