Renault Twingo E-Tech

Renault Twingo E-Tech Auto zum Erleben

8:51 Min.

Der neue Renault Twingo E-Tech im ersten Fahrbericht.

Es ist schon viel berichtet worden über den neuen Renault Twingo E-Tech, jetzt stand der Zwerg endlich zum ersten Fahrtest bereit. Darüber schreiben wir gleich. Zuerst nähern wir uns dem Thema abermals umfänglich an.

Als drittes Modell der vom ehemaligen Renault-CEO Luca de Meo ausgerufenen „Renaulution“ nach R5 und R4 verknüpft auch der neue Twingo einen modernen Elektroantrieb mit gekonntem Retro-Design. Dabei lehnt er sich überdeutlich an der ersten Twingo-Generation an, die 1992 erstmals vorgestellt wurde. Wie bei seinen Modellbrüdern funktioniert die Linienführung aber nicht nur bei älteren Semestern, die wehmütig an die Vorgänger denken, sondern auch bei jüngeren Menschen (siehe Video). Dieser gekonnte Spagat ist auch eine Grundlage für den aktuellen und anhaltenden Markterfolg des Renault 5 .

Entwicklung in China

Die stets fünftürige Twingo-Karosserie im charakteristischen Monobox-Design ist 3,79 Meter lang, 1,72 Meter breit und 1,49 Meter hoch. Sie sitzt auch der gleichen technischen Architektur wie R5 und R4, kommt aus Kostengründen jedoch mit einer einfacheren Hinterachskonstruktion aus, die der des Captur entspricht. Diese Gleichteile-Strategie innerhalb des technischen Baukastens hilft dem Hersteller, Kosten zu sparen und die geplanten Preispunkte zu treffen. Auch bei der Entwicklung wurde radikal umgedacht. Der Twingo wurde, als erster Renault, in Kooperation mit Geely im chinesischen Büro ACDC (Advanced China Design Center) entwickelt. Nur 24 Monate vergingen bis zur Serienreife, gebaut wird das Modell wie bisher in Slowenien.

Das Design des neuen Twingo entspricht, bis auf dezente Änderungen an den Scheinwerfern und den Rückleuchten mit kleinen Aerodynamik-Finnen, weitestgehend der vorausgegangenen Studie. Satt steht der Kleine auf optionalen 18-Zoll-Rädern. Aber auch die Serienausstattung mit 16-Zoll-Stahlfelgen hinter Radvollblenden steht dem Auto gut. Die Gestaltung und die Farbgebung der Abdeckungen aus Kunststoff variiert je nach Ausstattungslinie: Silber beim Twingo Evolution, Schwarz beim Techno.

Das Volumen des Kofferraums, in dessen Kellerabteil das Ladekabel ruht, lässt sich mit der um 17 Zentimeter verschiebbaren Rücksitzanlage (Teilung 50:50) von 205 auf 305 Liter Volumen (nach VDA-Messmethode) erweitern. Außerdem kann man die Lehnen nach vorne umklappen. Aber nicht nur das: Im Twingo Techno faltet sich auf Wunsch auch die Lehne des Beifahrersitzes flach nach vorne. Dann steht dem Möbelhaus-Besuch nichts mehr im Weg, oder man transportiert – nach den Vorstellungen des Marketings – ein Surfbrett an den Strand. Radfahrer gucken dabei nur zu, eine Kupplung am Heck, die auch ohne Anhängelast den Transport eines Fahrradträgers erlauben könnte, gibt es nicht.

Angesichts der kleinen Außen-Abmessungen ist das Platzangebot im Fond durchaus ordentlich. Damit empfiehlt sich der kleinste Renault, anders als Fiat 500 oder Mini Cooper, auch für Menschen, die öfter als einmal im Jahr mit mehr als zwei Personen in ihrem Auto unterwegs sind. Vorne sitzt man auch als großer Mensch bequem auf einem der höhenverstellbaren Sitze. Relativ hoch türmt sich das Cockpit vor den Insassen auf, ein Gegenentwurf zum Armaturenbrett des Vorbilds aus den 1990er-Jahren. Damals nervte das weit unten platzierte DIN-Radio auf Kniehöhehöhe, bei dem zudem Raucher oft die Kippenasche ins Kassettenlaufwerk schnippten – aus Versehen, weil direkt darüber der Aschenbecher aufklappte.

Das 10-Zoll-Display für Apple CarPlay und Android Auto ist in jedem Twingo serienmäßig.

Sehr gut: Auch die Idee mit den zentralen Digital-Instrumenten wurde nicht übernommen. Ein Display mit sieben Zoll Bildschirmdiagonale hält alle für den Fahrer relevanten Informationen mit adretten Layouts bereit. Die mit dem aktuellen Akku-Stand mögliche Reichweite wird auch für Autobahnfahrten und Stadtverkehr angezeigt. Der zentrale 10-Zoll-Touchscreen zeigt Inhalte der serienmäßigen Smartphone-Integration und, in der Ausstattungslinie Techno, auch die installierten Google-Dienste für Navigation, Sprachsteuerung und App-Store an. Ein Datenpaket mit 20GB pro Monat ist für drei Jahre serienmäßig, eine Verlängerung auf fünf Jahre kostet 100 Euro extra. Welcher Abo-Preis danach fällig wird, ist noch nicht bekannt.

Das enge Kosten-Korsett bei Entwicklung und Fertigung des Renault Twingo sind kaum sichtbar. Klar, die Kunststoffe tragen keine Schaumschicht, mit ihren Maserungen wirken sie aber auch nicht billig. In den vorderen Türen stecken Dekorleisten in Wagenfarbe, beim Techno-Modell auch vor dem Beifahrer im Cockpit (bei Evolution in Weiß). Schade ist nur, dass offene Schrauben in den Armauflagen der Türen wohl ohne Erfolg um Abdeck-Kappen gebettelt haben.

Der Fahreindruck

Bei den ersten Testfahrten erfreut der hohe Fahrkomfort des neuen Twingo, auch auf schlecht ausgebauten Strecken.

Trotz seiner kompakten Abmessungen wirkt der neue Twingo unterwegs sehr erwachsen. Auch mit der optionalen 18-Zoll-Bereifung schluckt das Fahrwerk Bodenwellen und sogar Wurzelaufbrüche im Asphalt gekonnt weg. Der hohe Fahrkomfort muss dabei nicht mit starken Bewegungen des Aufbaus erkauft werden, der Kleine liegt satt auf der Straße. Passend dazu wird eine direkte Lenkung serviert, deren Arbeit vom tiefen Schwerpunkt dank des Akkus (212 Kilogramm Gewicht) unterstützt wird.

Der Längsdynamik sind durch die Leistung des Front-Motors natürliche Grenzen gesetzt, was aber nicht störend ist. Vor allem im unteren Geschwindigkeitsbereich, also dem Tempo in Stadt und Umland, reicht das Drehmoment von 175 Newtonmetern voll aus. Nach Tritt auf das Fahrpedal wird die Kraft leicht verzögert freigesetzt. Das dürfte Menschen freuen, die sich unterwegs nicht als Dirigent von Leistung missverstanden wissen wollen, sondern einfach nur zum Ziel fahren möchten. Der kleine Wendekreis von 9,87 Metern hilft beim Rangieren und Einparken. Die Übersicht, auch beim Abbiegen, wird durch die breiten Füße der schrägen A-Säulen hinter dem hohen Cockpit eingeschränkt, hier folgt die Ergonomie dem Design.

Unsere Testfahrten mit dem neuen Renault Twingo führen uns über die spanische Urlaubsinsel Ibiza. Kurvige Strecken über Land und gut ausgebaute Fernstraßen erlauben kaum mehr als 80 km/h, in der Inselhauptstadt bewegt sich der Twingo durch den Stopp-and-Go-Verkehr. Gute Voraussetzungen also für den Verbrauch. Am Ende des Tages meldet der Bordcomputer in der Tat einen niedrigen Wert: 12,8 kWh / 100 km, was unter dem WLTP-Wert von 13,1 kWh / 100 km liegt. Die Reichweite von 260 Kilometern sollte also, mit sanftem rechtem Fuß und Nutzung der mehrstufig einstellbaren Energie-Rekuperation bis zum One-Pedal-Drive in der höheren Ausstattungslinie Techno, annähernd zu schaffen sein. Tipp: Die optionalen 18-Zoll-Leichtmetallfelgen knapsen dem Radius, im Vergleich zu den serienmäßigen Stahlrädern mit 16-Zoll-Kunststoffblenden, rund zehn Kilometer ab.

Laden

In Deutschland wird der Renault Twingo E-Tech serienmäßig mit einem 11-kW-Ladegerät für dreiphasiges Laden an einer Wallbox oder einer öffentlichen Ladesäule ausgeliefert. Der LFP-Akku (Lithium-Eisenphosphat) mit 27,5 kWh Speicherkapazität dürfte also in rund zweieinhalb Stunden vollständig gefüllt sein. Über den CCS-Anschluss ist am Schnelllader eine Leistung von bis zu 50 kW abrufbar, der Hub von 15 auf 80 Prozent Füllstand ist in 28 Minuten erledigt. Beides konnten wir im Rahmen des ersten Fahrtermins noch nicht ausprobieren und planen, dies im Rahmen eines Alltagstests nachzuholen.

Preise und Ausstattung

Das Basismodell Evolution mit 16-Zoll-Felgen startet bei 19.990 Euro.

Die Modellstruktur des Renault Twingo E-Tech ist einfach aufgebaut. Es gibt nur eine Antriebs-Akku-Kombination und zwei Ausstattungslinien. Das Basismodell Twingo Evolution wird zum Listenpreis von 19.990 Euro angeboten. Hier sind eine manuelle Klimaanlage, Einparksensoren am Heck, elektrisch einstellbare und beheizbare Außenspiegel, eine Geschwindigkeitsregelanlage und ein Audiosystem mit nur zwei Lautsprechern an Bord. Das OpenR-Infotainment mit 10-Zoll-Touchscreen und Smartphone-Integration via Apple CarPlay oder Android Auto ist serienmäßig, auf eine mehr oder weniger umständliche Smartphone-Halterung verzichtet Renault bei seinem Einstiegsmodell. Die Energie-Rekuperation ist nur zweistufig über Zug am Fahrstufen-Hebel einstellbar.

Für 1.600 Euro mehr, also für einen Gesamtpreis von 21.590 Euro, gibt es den Renault Twingo E-Tech Techno. Er bringt zusätzlich eine adaptive Geschwindigkeitsregelanlage, elektrisch anklappbare Außenspiegel (wichtig beim Parken in engen Seitenstraßen), Klimaautomatik, die markentypische Schlüsselkarte, einen umklappbaren Beifahrersitz, Regen- und Lichtsensor, Rückfahrkamera sowie sechs Lautsprecher mit. Außerdem sind die Google-Services für Navigation und App-Store mit an Bord, zumindest mit einer Gratis-Freischaltung für drei Jahre. „Reno“ ist der Name der Sprachsteuerung mit Avatar. Der Lenkradkranz mit Kunstlederbezug fühlt sich hochwertiger an als das Kunststoffmodell im Evolution, wie wir im Rahmen einer kurzen Sitzprobe mit Vergleichsmöglichkeit feststellen konnten.

Das hier auf den Fotos und im Video gezeigte „Mango Gelb“ ist die Gratis-Farbe, andere Lackierungen (Grün, Rot, Grau, Schwarz, Weiß kosten 250 bis 750 Euro Aufpreis. Eine empfehlenswerte Sitzheizung vorne gibt es für 300 Euro extra nur im Techno-Modell, ebenso das „Safety & Parking“ – Paket mit Totwinkelwarner inklusive Querverkehrsüberwachung und Einparksensoren auch vorne und an den Seiten. Diese Option kostet, wie die 18-Zoll-Felgen, 600 Euro, dazu kann man das Google-Abo für 100 Euro auf fünf Jahre verlängern. Der Preis des Testwagens steigt somit auf 23.190 Euro. Da hat die Preisliste des Fiat 500 Elektro, den es in der Basis Pop ab 24.990 Euro gibt, noch gar nicht angefangen!

Fazit

Ein Aufschlag, der sitzt: Nicht nur im A-Segment der Kleinstwagen dürfte der Renault Twingo der Konkurrenz zu schaffen machen.

Der Renault Twingo E-Tech gefällt nicht nur mit seinem sympathischen Design. Der Elektro-Kleinstwagen bietet einen hohen Fahrkomfort, knausert mit Strom fürs Fahren und bietet dank verschiebbarer Rücksitze eine hohe Funktionalität. All das gibt es zu günstigen Preisen ab 19.990 Euro. Sogar der Testwagen mit fast „voller Hütte“ steht für einen Listenpreis von 23.190 Euro bereit.

So erwachsen wirkte ein Twingo noch nie. Ob auch die Elektro-Neuauflage zum Kult-Zwerg werden kann, das werden die Kunden entscheiden. Und dabei auch die alles beherrschende Frage beantworten, ob sie bereit für Elektromobilität sind.

Technische Daten
Renault Twingo E-Tech elektrisch

Antriebsart
Elektro
Antrieb
Frontantrieb
Getriebe
Eingang-Reduktionsgetriebe
Elektromotor: Maximale Leistung kW
60 kW (82 PS)
Elektromotor: Nennleistung KW
35 kW (48 PS)
Elektromotor: Maximales Drehmoment
175 Nm
Batterie
27,5 kWh
Batterie: Typ
LFP (Lithium-Eisenphosphat)
Maximale Ladeleistung Gleichstrom (DC)
50 kW
Maximale Ladeleistung Wechselstrom (AC)
11 kW (dreiphasig)
Beschleunigung 0-100 km/h
12,1 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit
130 km/h
Norm-Verbrauch kWh / 100 km
13,1 kWh
Reichweite nach Norm
262 km (16-Zoll-Räder) | 260 km (18-Zoll-Räder)
Realer Verbrauch im Testzeitraum kWh/100 km
12,8 kWh (lt. Bordcomputer)
Kofferraumvolumen
205 - 305 Liter
Leergewicht
1.294 kg
Länge / Breite / Höhe
3.789 / 1.720 / 1.491 mm
Basispreis Baureihe
19.990 Euro
Basispreis Modellvariante
21.590 Euro
Testwagenpreis
23.190 Euro
Text: Bernd Conrad
Bilder: Hannah Richter, Bernd Conrad Hannah Richter, Bernd Conrad